Leica M8 im Test

Traditions-Messsucherkamera endlich digital

von Tamar Z. Stern

Der Auftritt der ersten digitalen Messsucherkamera des deutschen Traditionsunternehmens Leica wurde sehnlichst erwartet. Als neues Topmodell ist die M8 seit ihrem Erscheinen heiß debattiert worden, unterliegt sie als Leica M-Kamera doch dem hohen Maßstab, die Qualität der herausragenden Optiken einzufangen und in digitale Werte zu übersetzen. Ob die M8 diese hohen Erwartungen erfüllt, zeigt der netzwelt-Test.

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Wurzeln
  2. Ausstattung
  3. Das Menü
  4. Das Infrarot-Problem
  5. Bildqualität
  6. Geschwindigkeit
  7. Fazit

Die Wurzeln

Seit die Ur-Leica 1914 auf den Markt kam, haben sich Leica-Kameras um den Verschluss und das fotografische Prinzip herum entwickelt. Nach den Schraub-Leicas zeichnete sich das M-System seit dem ersten Modell, der 1954 vorgestellten M3, durch Simplizität aus: schnörkellose Kameras, die intuitiv zu bedienen sind und sich in den Interaktionsprozess zwischen Augen, Hirn und Hand des Fotografierens einfügen. Der Fotograf wurde von Leica stets in den Mittelpunkt gerückt, die Kamera stellte als Werkzeug den verlängerten Arm seines Bild-Gedankens dar. So soll auch die M8 durch Konzentration auf das Wesentliche ein spontanes Arbeiten ermöglichen, dabei nicht unzählige Features liefern und durch doppeltes Belegen der Funktionstasten den Fotografen mehr zum Menümeister denn zum Bildschöpfer machen.

Klassisches Erscheinungsbild, starke Wurzeln und intuitives Bedienkonzept, das sind die Gene der digitalen Leica M8. Foto: Leica
Klassisches Erscheinungsbild, starke Wurzeln und intuitives Bedienkonzept, das sind die Gene der digitalen Leica M8. Foto: Leica

Ebenso Teil der Philosophie des M-Systems ist die größtmögliche Kompatibilität der Objektive durch die Kameragenerationen. Dabei soll die optische Qualität nicht schlechter werden, was speziell bei einem Wechsel in die Welt der Sensoren eine Herausforderung ist, weil die Lichtstrahlen möglichst senkrecht auftreffen müssen und sich Farbstreuungen ungleich stärker auswirken als auf Film. Der CCD in der M8 wurde deshalb den Anforderungen des Objektivsystems der M-Leicas angepasst. Außerdem werden neue M-Objektive von Leica mit einer optischen Kennzeichnung versehen, über die sowohl die Brennweite erkannt und in die EXIF-Daten geschrieben werden kann, als auch die kamerainterne Bildverarbeitung ans spezifische Objektiv angepasst wird. Die meisten älteren Leica Objektive für das M-System können auch nachträglich farbkodiert werden.

Oskar Barnack konstruierte die erste Kleinbildkamera ursprünglich als Belichtungsmesser für den Bewegtfilm. Daraus wurde die Urleica (1914), später die Schraubleicas, hier die Leica III von 1933 und ab 1954 das M-System. Foto: Leica
Oskar Barnack konstruierte die erste Kleinbildkamera ursprünglich als Belichtungsmesser für den Bewegtfilm. Daraus wurde die Urleica (1914), später die Schraubleicas, hier die Leica III von 1933 und ab 1954 das M-System. Foto: Leica

Der Sensor der M8 ist mit 18 x 27 Millimetern kleiner als das Filmformat der analogen Kameras (24 x 36 Millimetern). Es wird so nur der mittlere Bildkreis der Objektive genutzt, der effektive Bildwinkel ist daher enger und resultiert in einem Verlängerungsfaktor der Brennweiten um 1,33. Der CCD in der Leica M8 wird von Kodak hergestellt und löst 10,3 Millionen Pixel auf. Die Empfindlichkeit kann zwischen ISO 160 und 2500 ausschließlich manuell eingestellt werden. Dafür gibt es kein physikalisches Rad, der Fotograf muss auf das Menü zugreifen. Ebenso, um bei der eingebauten Zeitautomatik eine Belichtungskorrektur vorzunehmen. Der motorisierte Verschluss ermöglicht, erstmals in einer M-Leica, eine Serienbildfunktion unterzubringen. Der Fotograf wählt zwischen Serie und Einzelbild an einem Ring um den Auslöser. Außerdem kann er dort den Selbstauslöser einschalten.

Ausstattung

Um die digitale M-Leica in die Reihe der älteren Geschwister zu stellen und die Objektive weiter nutzen zu können, musste die Konstruktion im Innern angepasst werden. Äußerlich hat sich fast nichts geändert. Im Vergleich zur Leica M7 sind die Abmessungen nahezu gleich geblieben. Die Tiefe des Gehäuses hat um gut drei Millimeter zugenommen, da der Sensor und die zugehörige Elektronik im Innern des Gehäuses mehr Platz in Anspruch nehmen, als es der Film getan hat. Um die 27,8 Millimeter Auflagemaß der Objektive zu wahren, haben die Ingenieure das Bajonett der M8 ein Stück weiter aus der Kamera heraus ragen lassen als bei der analogen Vorgängerin.

Auch der horizontal ablaufende Gummituch-Verschluss der M7 fand keinen Platz mehr in der digitalen Neuentwicklung. Erstmals in einer M-Leica ist die M8 mit einem Metalllamellen-Verschluss ausgestattet, der vertikal abläuft und von einem Mikroprozessor gesteuert wird. So konnte die kürzeste Verschlusszeit von 1/1000 bei der M7 auf 1/8000 Sekunde reduziert werden und die Präzision - vor allem der kurzen Zeiten - wurde entscheidend verbessert. Außerdem konnte die Blitz-Synchronzeit der M8 auf einen Wert gebracht werden, der den modernen Blitzgeräten und -möglichkeiten entspricht. Während die M7 noch mit einer Synchronzeit von 1/50 Sekunde arbeitet, besitzt die M8 eine Blitz-Synchronzeit von 1/250 Sekunde.

Die Belichtung misst die M8 - wie schon die M7 - mit Hilfe einer Sammellinse und einer Silizium-Fotodiode. Das Licht fällt durchs Objektiv auf den Verschluss der Kamera, wo eine weiße Fläche aufgebracht ist: bei der M7 ein weißer Kreis mit 12 Millimetern Durchmesser, bei der M8 die weiß eingefärbte mittlere Metalllamelle. Das dort reflektierte Licht nimmt die Fotodiode durch die Sammellinse auf und steuert die Belichtung. Diese Selektivmessung ist stark mittenbetont, da der Reflexionsbereich lediglich den zentralen Einfallbereich des Lichts berücksichtigt.

Das optische System einer M-Leica besteht neben dem Bildspeicher und dem Objektiv noch aus dem Messsucher. Dieser Sucher zeigt nicht nur den Bildausschnitt an, sondern spiegelt das Bild eines zweiten Sucherfensters ein. Durch die mechanische Kopplung des eingespiegelten Bildes an die Entfernungseinstellung des Objektivs ist diese Kombination aus Schnitt- und Mischbild-Entfernungsmesser die entscheidende Hilfe zur manuellen Fokussierung. Der Fotograf bringt durch das Drehen des Entfernungsrades am Objektiv die beiden Bilder im Sucher zur Deckung und hat so mit Hilfe der Gesetzmäßigkeiten der Trigonometrie den Abstand zum Aufnahmeobjekt exakt bestimmt und auf diese Ebene scharf gestellt.

Der Sucher der M8 besitzt einen automatischen Parallaxenausgleich für Objektive von 24 bis 90 Millimetern. Insgesamt verfügt die M8 über sechs Leuchtrahmen, die beim Einschrauben des Objektivs automatisch eingeblendet werden. Dabei werden in drei Einstellungen je zwei Rahmen gleichzeitig eingeblendet, 24 und 35, 28 und 90 sowie 50 und 75 Millimeter. Wegen der Verkleinerung fällt der Rahmen der 135 Millimeter Objektive an der M8 weg. Das Okular ist auf -0,5 Dioptrien abgestimmt, es gibt aber die Möglichkeit Korrekturlinsen bis +/- drei Dioptrien separat zu erwerben.

Die M8 kommt mit wenigen Knöpfen und Bedienelementen aus. Foto: Leica
Die M8 kommt mit wenigen Knöpfen und Bedienelementen aus. Foto: Leica

Auf der Rückseite der Kamera dominiert das 2,5 Zoll große LC-Display, das 230.000 Pixel auflöst und in fünf Helligkeitsstufen geregelt werden kann. Hier kann der Fotograf nach der Aufnahme die Belichtung über ein RGB-Histogramm kontrollieren, sich wahlweise die überbelichteten Bildpartien anzeigen lassen und die Schärfeebene pixelgenau überprüfen. Rechts neben dem Monitor befindet sich ein vierfacher Kreuztaster zur Navigation durch das Menü, welches mit einem Knopf oberhalb aktiviert wird.

Mittig des Kreuzes fehlt ein Quittierungsknopf: Die Einstellungen müssen so immer mit der linken Hand über den SET-Knopf auf der anderen Seite des Displays bestätigt werden. Die Vier-Wege-Knöpfe sind von einem Drehrad umschlossen, das ebenfalls zur Navigation genutzt werden kann und im Wiedergabemodus die Lupenfunktion steuert. Die Möglichkeit, bei Verwenden der Zeitautomatik die Belichtung über ein Rad am Gehäuse zu korrigieren, vermisst der Fotograf an der M8. Dafür muss er auf das Menü zurückgreifen, was Leica hätte vermeiden können, indem sie die Belichtungskorrektur über das Drehrad ermöglicht hätten, das im Aufnahmemodus nicht belegt ist.

Das Menü

Die Menüführung ist einfach gehalten, die einzelnen Punkte sind optisch gut voneinander abgesetzt und das Menü so insgesamt übersichtlich. Der Fotograf kann im Kameramenü den optischen Sensor für die Erkennung der kodierten Objektive aktivieren, angelegte Profile speichern und die Parameter zu Schärfe, Kontrast und Helligkeit einstellen. Einstellungen zum Energiehaushalt, betreffend Monitor und Wiedergabe, stellt er hier ebenso ein wie das Blitzverhalten und den Farbraum. Hier gibt Leica die Auswahl zwischen sRGB, Adobe RGB und ECI RGB. So kann der Fotograf je nach Verwendungszweck seiner Fotos gezielt den geeigneten Farbraum einstellen. Standards wie Uhrzeit, Menüsprache und Kameratöne werden ebenfalls hier festgelegt. Wichtiger ist jedoch das zweite, das SET-Menü: ISO-Empfindlichkeit, Belichtungskorrekturen zwischen +/-3 EV, den Weißabgleich und die Aufnahmequalität lassen sich hier bequem anpassen.

Die Menüs der M8 sind übersichtlich gehalten und sinnvoll strukturiert. Alle wichtigen Paramter sind stets im Blickfeld des Fotografen.
Die Menüs der M8 sind übersichtlich gehalten und sinnvoll strukturiert. Alle wichtigen Paramter sind stets im Blickfeld des Fotografen.

Das Infrarot-Problem

Vielfach wurde in Internet-Foren die hohe Empfindlichkeit der Leica M8 für infrarotes Licht diskutiert. Sensoren digitaler Kameras sind neben dem sichtbaren Farbspektrum auch für den sich an rot anschließenden, längerwelligen Bereich des Lichts sensibel. Infrarot-Sperrfilter vor dem Sensor sollen verhindern, dass dieser Wellenlängenbereich ebenfalls auf die Fotodioden trifft und das Foto farblich verfälscht oder eine Unschärfe durch Bild-Überlagerung verursacht. Der Kodak-Sensor in der M8 ist mit einem Absorptionsfilter ausgestattet, das zu dünn ist, um die IR-Anteile des Lichts restlos herauszufiltern. Der kritische Wellenlängenbereich zwischen Rot und Infrarot kann, laut Spezifikation des Sensor-Herstellers, bis zu 50 Prozent das Filter passieren.

Deshalb werden Gegenstände, die infrarotes Licht besonders stark reflektieren, unter bestimmten Lichtverhältnissen von der M8 farblich verfälscht wiedergegeben. Diese Lichtsituationen spiegeln keinesfalls die überwiegende Fotopraxis wider, weshalb Leica das Problem anfangs offensichtlich unterschätzte. Als Lösung sollen Fotografen Interferenzfilter gegen einfallendes IR-Licht vor das Objektiv schrauben. Die aktuelle Firmware (Version 1.102) rechnet etwaige, durch das Filter verursachte, grüne Farbverschiebungen (und Qualitätsverluste zu den Rändern hin) heraus. Zwei Filter werden von Leica gratis zu den vorhandenen Linsen der M8-Käufer geliefert. Die volle Leistung wird allerdings auch mit Filter nur von kodierten Objektiven erreicht, da die Kamera das Objektiv ansonsten nicht erkennen und die Bearbeitung durch die Software darauf abstimmen kann.

Bildqualität

Unter Benutzung der IR-Sperrfilter macht die Leica M8 eine gute Figur. Es besteht aber unter bestimmten Lichtbedingungen nach wie vor das Problem, dass vor allem synthetische Textilien magentafarben statt schwarz wiedergegeben werden. In diversen Foren werden mittlerweile Plug-Ins und Profile angeboten, die den Farbstich weitestgehend herausrechnen. Ansonsten wirken Farben jedoch sehr natürlich. Die Qualität des JPEGs hat sich seit Erstvorstellung der Kamera verbessert: Die anfangs rötlich dominierten Farben sind nach dem letzten Firmware-Update etwas kühler geworden.

Insgesamt werden Farben von der M8 gut und homogen wiedergegeben. In der Synthetik der Schutzkleidung wird das Problem der erhöhten Infrarot-Empfindlichkeit allerdings visuell deutlich. Eigentlich sollte hier ein reines Schwarz zu sehen sein. Foto: Tamar Zifra Stern
Insgesamt werden Farben von der M8 gut und homogen wiedergegeben. In der Synthetik der Schutzkleidung wird das Problem der erhöhten Infrarot-Empfindlichkeit allerdings visuell deutlich. Eigentlich sollte hier ein reines Schwarz zu sehen sein. Foto: Tamar Zifra Stern

Wer nicht im RAW-Format aufzeichnet, sollte allerdings einen manuellen Weißabgleich in Erwägung ziehen, da der automatische Abgleich weiterhin etwas warmtonig abbildet. Die Auflösung der M8 ist gut, die hervorragende Schärfe der Leica-Objektive wird von der Kamera sehr gut wiedergegeben. Damit haben die Ingenieure einen der wichtigsten Ansprüche an das digitale Gehäuse erfüllt. Auch der Dynamikumfang der digitalen Messsucherkamera enttäuscht nicht: Kontrast sowie Detailzeichnung in Tiefen und Lichtern sind gleichermaßen überzeugend

Geschwindigkeit

Da die Fokussierung des Bildes an einer Messsucherkamera immer manuell erfolgt, fällt ein bedeutender Faktor zur Ermittlung der Geschwindigkeit dieser Digitalkamera weg. Umso wichtiger sind die Messwerte zur Speicherzeit eines Bildes und der Zeit zwischen einzelnen Aufnahmen. Eine Auslöseverzögerung hat die Leica M8 nicht, im Einzelbild-Modus vergeht eine knappe Sekunde zwischen den Aufnahmen und in der Serienbildfunktion kann der Fotograf mit zwei Bildern pro Sekunde rechnen. Nach zehn Aufnahmen ist der Zwischenspeicher voll und der muss erstmal auf die Karte entleert werden.

Der komplette Vorgang dauert ungefähr 30 Sekunden, eine relativ lange Zeit, diese muss aber nicht in Gänze abgewartet werden: Nach ungefähr fünf Sekunden kann der Fotograf wieder ein Einzelbild aufnehmen. Die Wiedergabe der Fotos erfordert ebenfalls etwas Geduld, da die vollständigen Bildinformationen geladen werden, um die pixelgenaue Bildkontrolle zu gewährleisten. Hier wäre eine Einstellung im Menü, die eine schnellere Wiedergabe ermöglicht, sinnvoll. Alles in allem ist die reine Aufnahmegeschwindigkeit der M8 gut und zehn Aufnahmen bis zum Zwischenstopp sind ebenfalls in Ordnung.

Fazit

Mit der M8 führt Leica die Tradition der Messsucherkameras aus ihrem Hause digital fort. Entsprechend der Maxime, Kompatibilität zu früherem Systemzubehör sicher zu stellen und dem Wunsch, das Erscheinungsbild der M-Serie zu wahren, wurde die Digitalkamera den vorhandenen Objektiven und Maßen früherer M-Leicas weitestgehend angepasst. Unter Benutzung eines Filters und der aktuellen Firmware zeigen die Aufnahmen mit der Leica M8 eine Qualität, die auf DSLR-Niveau ist.

Hochtrabende Ausstattungsmerkmale sucht der Fotograf bei der M8 vergebens, vielmehr bekommt er mit der neuen Leica ein kompaktes, formschönes Werkzeug mit einem hervorragenden Belichtungsmesser an die Hand, um seine Bildideen zu verwirklichen. Ob er bereit ist, für das digitale Gegenstück zu seinen M-Objektiven über 4.000 Euro zuzüglich der Kosten für Filter und Kodierung auszugeben, muss jeder selbst entscheiden. Neben dem Geldbeutel entscheidet hier aber in erster Linie die Liebe zum M-System.

Leica M8
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